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Full text of "Zeugnisse zur altenglischen Odoaker-Dichtung"

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Zeugnisse zur altenglischen 
Odoaker-Dich tung 

Rudolf Hans Robert Imelmann 






Xibrars 


ot tbe 

'Universum of TWUaconain 





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ZEUGNISSE ZUR ALTENGLISCHEN 

ODOAKER-DICHTUNG. 

Von 

Dr. RUDOLF IMELMANN, 

PBIVATDOZENT AN DEE UNIVERSITÄT BONN. 

MIT EINER TAFEL. 



BERLIN 

VERLAG- VON JULIUS SPRINGER 

1907. 


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135270 
NOV 17 1909 

XVZ. 

'•4IWV?, 

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Meiner Frau 


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M eine zu Ostern dieses Jahres erschienene Schrift über die 
altenglische Odoakerdichtung hat den Nachweis geführt, 
daß die »Klage der Frau« (K 4 ), das »Erste Rätsel« (K 2 ) und 
die »Botschaft des Gemahls« (B) als Teile einer nordhum- 
brischen Dichtung aus der Mitte des achten Jahrhunderts 
zusammengehören; sie handeln von Eadwacer, seiner Gattin, 
seinem Bruder. 

Wer dieser Eadwacer sei, konnte nachgewiesen werden, 
dagegen ließ sich noch nicht feststellen, wie die Namen der 
beiden andern Handelnden lauteten. Es wurde vermutet, 
daß sie mit der zum ursprünglichen Ganzen gehörigen Prosa 
verloren gegangen seien. 

Diesen Verlust durch neue Funde wiedereinzubringen, be- 
absichtigt die hier vorgelegte weitere Untersuchung. Indem sie 
zwei unabhängige Zeugnisse zur Eadwacersage und -dichtung 
zutage fördert, bestätigt sie alle bisherigen Ergebnisse aufs 
willkommenste. Zugleich lösen sich zwei Probleme, an denen 
der Scharfsinn der Gelehrten sich ebenso lange wie fruchtlos 
abgemüht hat. 

Bonn, Pfingsten 1907. 

Rudolf Imelmaim. 


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Inhalt. 


»Deor« und seine Erklärer 9 

Textkritik 12 

Interpretation 17 

Mse^bild und Iuta 24 

»Franks Casket« und seine Deuter 27 

Skulpturen der rechten Seite 29 

Runen der rechten Seite 34 

Nachprüfung 39 

Chronologie 43 


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Auf fol. 100 a der Exeterhandschrift, also unmittelbar vor 
der »Zweiten Klage«, lesen wir (Grein -Wülker, Bibliothek 
der angelsächsischen Poesie I 278) die folgenden Strophen: 


I Wifilund him he wurman 

wraeces cunnade 

anhydig eorl 

earfofm dreag 

hsefde him to gesippe 

sorge and longaf> 

4 wintercealde wraece 

wean oft onfond 

sippan hine Niffhad on 

nede legde 

swoncre seonobende 

on syllan monn 

pses ofereode 

frisses swa maeg 

II 8 Beadohilde ne wses 

hyre broJ)ra deaf) 

on sefan swa sar 

swa hyre sylfre |)ing 

\cet heo gearolice 

ongieten haefde 

p<®£ heo eacen wses 

aefre nemeahte 

12 priste ge|>encan 

hu ymb f>ae t sceolde 

|)ses ofereode 

Risses swa maeg 

III We paet Msephilde 1 ) 

monge gefrugnon 

wurdon grundlease 

Geates frige 

16 | ust him seo sorglufu 

slaep eal/ze binom 

pses ofereode 

Risses swa maeg 

IV Beodric ahte 

J)ritig wintra 

Mseringaburg 

J)set waes monegum cuj> 

20 pses ofereode 

Risses swa maeg 


1) Grein-Wiilkers map Hilde hat schon Thorpe zn dem Eigennamen 
znsammengezogen, wie auch er bereits den Vers richtig verstanden hat. 


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10 


Y We geascodan 

Eormanrices 

wylfenne geloht 

ahte wide folc 

G-otena rices 

\>cet wses grim cyning 

24 Säet secg monig 

sorgum gebunden 

wean on wenan 

wyscte geneahhe 

f>aet f>aes cynerices 

ofercumen wsere 

j)ses ofereode 

[)isses swa mseg 

VI 28 Siteft sorgcearig 

sselum bidseled 

on sefan sweorcefr 

sylfum J)ince5 

\>cet sy endeleas 

earfoäfa dsel 

Maeg f)on ne ge{)encan 

f>aet geond |>as woruld 

32 witig dryhten 

wendet geneahhe 

eorle monegum 

are gesceawad 

wislicne blaed 

sumuTO weana dsel 

VII f )cet ic bi me sylfum 

secgan wille 

36 faet ic hwile waes 

Heodeninga scop 

dryhtne dyre 

me wses Deor noma 

ahte ic fela wintra 

folgad tilne 

holdne hlaford 

o|){>8et Heorrenda nu 

40 leoftcraeftig monn 

londryht gef)ah 

j)set me eorla hleo 

ser gesealde 

f>aes ofereode 

Risses swa mseg 


Die Literatur über dieses Gedicht (D) ist zwar sehr viel 
weniger umfangreich als etwa die über E 1} K 2 oder B, aber 
der Grund dafür ist nicht in der geringeren Schwierigkeit 
des >Deor« zu suchen; tatsächlich waren einzelne Stellen 
bisher mehr oder weniger unerklärbar. Hierhin gehört in 
erster Reihe die dritte Strophe. Wenn man liest, was Sagen- 
und Literarhistoriker über das Ganze äußern, so erhält man 
den Eindruck, als gingen sie ihr geflissentlich aus dem Wege. 
So sagt Symons 1 ): >der Sänger Deor, dem das Lied in den 

1) Pauls Grundriß III 2 628 f. 


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11 


Mond gelegt ist, klagt, daß der liederkundige Heorrenda ihn 
aus seinem Sängeramt am Hofe der Heodeninge verdrängt 
habe; er tröstet sich in seinem Leide mit der Erinnerung 
an . . Wöland, . . Beadohild, . . J>öodrfc. Ob der Dichter 
als Dietrichs Gegner schon Eormenric kannte, den die nächste 
Strophe allerdings als einen grimmigen Gotenkönig mit wöl- 
fischem Sinne erwähnt, muß dahingestellt bleiben. Jeden- 
falls zeigt er Kenntnis der Sagen von Hilde, Wieland, Er- 
manarich und Dietrich von Bern.« 

Auch ten Brink spricht in seiner Literaturgeschichte 1 ) 
mit keiner Silbe von der dritten Strophe, die der Dichter 
doch gewiß nicht ohne Bedacht geschrieben und an diese 
bestimmte Stelle des Zusammenhanges gesetzt haben wird. 
Dagegen spricht er es aus, daß die sechste Strophe (28 — 34) 
eine Interpolation sei; das läßt sich auch leicht nachweisen, 
wenn schon die Herausgeber nicht die natürliche Folgerung 
gezogen haben und in einem kürzlich erschienenen Aufsatz 
diese Verse noch als Beispiel »für die Art und Weise, ver- 
allgemeinernd von sich selbst in der dritten Person zu reden«, 
angeführt werden 2 ). 

Ob unsere fünfte Strophe vom Dichter herrühre, ist noch 
nie gefragt worden. Wir werden sehen, daß gegen ihre Echt- 
heit gewichtige Bedenken sprechen. Sollte diesen Zweifeln Be- 
weiskraft innewohnen, so würde sich von selbst die Schwierig- 
keit lösen, die Symons andeutet. 

Wie in diesen drei Strophen, so gibt auch im Eingang 
und am Schluß mancherlei zu denken, vmrman l a spottet 
noch immer einer überzeugenden Besserung; unter »dem 
Sänger Deor, einer Gestalt der epischen Zeit« , wie ten Brink 
sich ausdrückt, kann man sich nichts vorstellen; und keinen 
Sinn hat es, wenn der Dichter nach Schilderung seines Un- 

1) I 2 71. 

2) Schücking Zfda 48, 445. — Einer Auseinandersetzung mit dem 
Versuch, die Klagende in Ki als Mann zu erweisen, bedarf es nicht. 


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12 


glücks sagt (42): »das wurde überstanden, so kann auch 
dieses überstanden werden« (ebenda). 

So gibt »Deor« eine ganze Reihe von Fragen auf. Man 
darf vielleicht erwarten, daß bei dem Versuch einige davon 
zu beantworten das neue Verständnis für die drei früher 
behandelten Gedichte uns zu Hilfe kommen wird. Jede Klar- 
heit aber, die daher gewonnen wird, muß ihrerseits auf die 
Quelle zurückstrahlen. 


n. 

Obwohl sich für das Nebeneinander von D und K 2 in 
der Sammlung, wie später zu zeigen ist, noch ein anderer 
Grund anführen läßt als die äußere Verwandtschaft beider 
Stücke, so fällt diese doch am ehesten ins Auge. Zunächst 
sind K 2 und D in Strophen abgefaßt, wie auch K x ; ten Brink 
durfte also D nicht das einzige altenglische Lied in strophi- 
scher Form, das uns erhalten sei, nennen. 

Sodann haben die beiden Gedichte, ähnlich wiederum Kj, 
Refrains. Während jedoch von den fünf Strophen der Wulf- 
klage nur zwei damit ausgestattet sind, fehlt er »Deor’s 
Klage« allein in der sechsten Strophe, die nicht echt sein 
kann. Der Refrain braucht nun aber, wie K 2 lehrt, nicht 
überall gesetzt zu werden; gehört es doch zu seinem Wesen, 
daß er, nicht überall paßt. 

So wird man unbedenklich die Schhxßzeile von D be- 
seitigen dürfen, zumal sie sinnlos ist: dem Dichter, der 
fremde Geschicke vergegenwärtigt, um sich durch ihren Ver- 
lauf zu trösten, kann seine eigene Lage nicht Trostgrund 
sein. Was die Bedeutung des Refrains angeht, so ist ten 
Brinks Wiedergabe sachlich nicht inkorrekt, man wird aber 
genauer zu übersetzen haben: 

»Des kam ein Ende; dieses mag es auch.« 


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13 


Der Dichter sagt von sich (37 b ): 

me wces Deor noma. 

In dem Augenblicke also wo er spricht, nennt er sich 
picht mehr so; da man aber seinen wirklichen Namen nicht 
verlieren kann, so ist »Deor« hier ein stilisierter Name, den 
der Sänger wortspielend sich beilegt. Setzt man für die west- 
sächsiche Form dyre die mercische Entsprechung, so ist das 
Wortspiel uns so deutlich, wie dem angelsächsischen Leser: 

dryhtne deore, me wses Deor noma 
'Einem Herrn teuer, Teuer war mein Name*. 

Aus dieser Verhüllung seines wahren Namens ergab sich 
für den Dichter die Möglichkeit der eigentümlichen Einklei- 
dung; mit dem zeitlosen Namen konnte er sich in die Helden- 
sage versetzen, einem wirklichen Nebenbuhler die Bolle 
Heorrenda’s zuweisen — ihm zugleich ein Kompliment machen 
leoöcrceftig mm 40 a — , sein Publikum als Heodeninge an- 
reden und endlich seinen Stoff aus der Heldensage gewinnen. 
Die Voraussetzung dafür war natürlich, daß sein Gedicht 
auf dem Schatze literaturfähigen Sagenguts fußte, der dem 
England seiner Entstehungszeit geläufig war; weit davon 
entfernt also, »eine Richtung zu vertreten, welche die Ungunst 
der Zeiten nicht ans Ziel gelangen ließ«, setzt D umgekehrt 
eine Blüte seiner Gattung voraus und kann unmöglich, auch 
ganz abgesehen von K t K 2 B, »das einzige lyrische Produkt« 
sein, »das in lebendigem Zusammenhänge mit der epischen 
Sage steht« l ). 

Wenden wir uns vom Schluß des Liedes rückwärts, so 
brauchen uns die Verse 28—34 nicht lange aufzuhalten. Die 
predigthafte Einschaltung ist an sich verfehlt, weil sie als 

1) Ten Brink a* 0. Danach ist die Behauptung zu beurteilen, »daß 
auf direkten Anschluß unserer Lyrik an Situationen der Heldensage 
durchaus nichts deutet, ihre Entstehung vielmehr anderer Art ist.« 
Schücking a. 0. 447 f. 


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14 


vorzeitiger Abschluß wirkt, und sprachlich wie metrisch 
minderwertig: sited 28 a , im Tempus störend, < scet 24 a ; 
sorgcearig < sörgum gebunden 24 b ; das Subjekt soll aus 24 a 
ergänzt werden. 28 b Phrase, ungeschickt wie dcel 30 b 34 b . 
29 a = Beow. 1738, ähnlich Wand. 59; on sefan schon 9 a , 
ähnlich 25 a . gepencan 31 a = 12 a ; 31 b = Wand. 58 b , schlechte 
Alliteration; 32 b = 25 b , 34 b = 25 a .. Zudem fehlt der Re- 
frain; ihn scheint der Bearbeiter nicht mehr verstanden zu 
haben, denn sonst hätte er sich vielleicht seine Zutat und, 
falls er der Schuldige war, auch Vers 42 gespart 1 ). 

Die sechste Strophe, wie die Schlußzeile der siebenten, 
scheidet demnach aus. Die fünfte ist im Zusammenhang 
mit der vierten zu betrachten; denn es ist ja die Frage, ob 
hier Theodorich und Ermanarich mit der gleichen Absicht 
nacheinander erwähnt werden wie Weland und Beadohild 
im Eingang, d. h. als gegensätzliche Figuren des nämlichen 
Stoffkreises. 

Im allgemeinen hat man wohl schon angenommen, die 
Erwähnung der beiden Gotenkönige widerspreche nicht der 
Ansicht, daß die Dietrichsage bei den Angelsachsen besten- 
falls in den Anfängen stehen geblieben sei, die histo- 
rische Erinnerung an die Gegnerschaft des Usurpators 
Odoaker 2 ) und Theodorichs sich also erhielt und Ermanarich 
nicht an des ersteren Stelle trat. Die jetzt nachgewiesene 
Sage und Dichtung von dem Sachsen Odoaker ist vielleicht 
ein endgültiger Beweis für die Richtigkeit jener Annahme 
und D fällt als Argument für die gegenteilige fort. Dann 
entsteht aber die Frage, zu welchem Zweck der Dichter 
überhaupt von Ermanarich spricht; soll er nur von dem einen 
Goten auf den anderen gekommen sein? Das sähe nicht 

1) Er ist identisch mit dem Verfasser von »Wanderer« 19 — 20, 
58—60. 

2) Dem in der früheren Schrift im Eifer die Kaiserkrone aufgesetzt 
wurde. 


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15 


nach einer klaren Disposition des Gedankenganges ans, son- 
dern wie der Nachgedanke eines Bearbeiters. 

Tatsächlich läßt die ganze Strophe zu wünschen übrig, 
i, n, wie wir sehen werden auch III, sowie IV nennen je 
in der ersten Zeile einen Namen, dessen Träger besonderes 
Leid widerfahren ist; V macht eine Ausnahme, denn Eor- 
menric wird nicht als leidend, sondern als Bedrücker ge- 
schildert. 

Weiter: die Strophe redet von einer Mehrheit von Be- 
drückten, secg monig, und deutet die Art der Bedrückung 
nur vage an, was vom künstlerischen Standpunkte aus als 
unwirksam bezeichnet werden muß und außerdem den Refrain 
ungeschickt erscheinen läßt. 

Ungeschickt ist ferner we geascodan 21 a < we . . gefrug- 
non 14; ahte 22 b < 18 a ; (- )rices 21 b 23 a 26 b ; ofercumen 26 b 
ofereode 27 a ; 23 b ist nur Füllsel, wenn es auch an Beowulf 
gemahnt. 

Somit darf V als eine Interpolation bezeichnet werden; 
da sie aber, auch metrisch, besser ist als VI und dieser zum 
Muster gedient hat, so ist sie älter und wir erkennen an 
dem Texte von D deutlich drei Schichten der Überlieferung. 

Zu der ältesten Schicht gehören demnach nur die Strophen 
I, II, DI, IV, VJI, die das Lied im allgemeinen so wieder- 
zugeben scheinen, wie der Dichter es gemeint hat. Natür- 
lich muß man mit der Möglichkeit von Entstellungen, Aus- 
lassungen und Zusätzen auch hier rechnen. So könnte 
Vers 10 

Jwet heo gearolice ongieten hsefde 
eine jüngere Einschiebung sein; pcet 10 a ll a ist jedenfalls 
unbeholfen, hyre sylfre ping 9 b wird durch den Inhalt des 
folgenden Verses nicht gekennzeichnet, und schmerzlich sollte 
eher die in ll a berührte Tatsache als ihre »völlige Erkenntnis« 
sein. Selbst wenn man ongietan hier in der auch sonst be- 
legten Bedeutung »know camally« fassen wollte, ergäbe sich 


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16 


nur eine unnötige Wiederholung; an sich aber scheint wohl 
möglich, daß Vers 10 auch anders als wegen Elene 288 
üblich übersetzt Werden kann, nämlich »daß sie völlig emp- 
fangen hatte«, wo also das Objekt des »Erkennens« ausge- 
lassen wäre und die Vorstellung des »Bekommens« einen 
leichten Bedeutungswandel herbeigeführt hätte. 

In der ersten Strophe ist statt Wdund jedenfalls Wdand 
einzusetzen, wegen Beowulf 445, Waldere 12, Welandes 
smiftdfe in einer Urkunde des Jahres 955 (Pauls Grundriß 
III 2 725). Für das unmögliche wurman l b sind allerlei 
Lesungen vorgeschlagen worden, be fordert einen Dativ, 
dessen Endung -an oder -um ist; das in den Handschriften 
durch — abgekürzte m über dem u mag der Schreiber für n, 
den Vokal für a gelesen haben: ü ä. Also: *tvurmum. 
Diese Form, auch *v>yrmum , gibt aber keinen befriedigenden 
Sinn. Verfolgung erfuhr Weland vom Schicksal; das ist 
ihm mit Beadohild, Mse{)hild und Theodorich gemeinsam; 
verschieden sind nur die Arten, in denen es zum Ausdruck 
kommt. So werden wir Vers 1 emendieren dürfen: 

Weland him be wyrdum wraeces cunnade. 

Eine Entstellung des Originals haben wir auch in Vers 14 
anzunehmen, worauf bei Erörterung der dritten Strophe ein- 
zugehen sein wird. Sie und die vierte sehen so aus, als 
ob ihre Kürze eher das Werk des Zufalls oder der Gewalt 
denn dichterischer Absicht sei. Sie sind aber beide ver- 
ständlich, auch in ihrem Nebeneinander. Das nachzuweisen, 
hilft unsere Vertrautheit mit den zwischen K l7 K 2 und B 
bestehenden Beziehungen; und umgekehrt liefert der Nach- 
weis Hilfsmittel zum tieferen Verständnis jener Dichtungen. 


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17 


in. 

/Wir können nunmehr, nach der Feststellung des ur- 
sprünglichen Strophenbestandes, an eine Interpretation von 
D gehen; erst in ihrem Verlaufe jedoch werden wir den 
inneren Zusammenhang der Teile erfassen und damit den 
rechten Maßstab für die künstlerische Leistung des Dichters 
und für die literar- und sagengeschichtliche Bedeutung seines 
Werkes gewinnen. 

‘Weland erfuhr sich vom Schicksal Verfolgung, 

der starksinnige Mann ertrug Leiden; 

hatte sich als Gefährten Kummer und Sehnen, 

winterkalte Pein. Weh empfand er oft, 

seit auf ihn Nifthad Fesseln legte, 

biegsame Sehnenfessel auf den würdigeren Mann. 

Des kam ein Ende; dieses mag es auch*. 

Der Trost kann nur sein, daß der Tag der Freiheit und 
der Bache dem Bedrückten endlich kam; das führt auf die 
nächste Strophe, die also mit der vorhergehenden in engstem 
Zusammenhänge steht. 

c Beadohild war ihrer Brüder Tod 
in der Seele nicht so weh, wie ihr eignes Ergehn, 
daß sie schwanger war; nimmer vermochte sie 
mutig zu denken, was daraus werden sollte. 

Des kam ein Ende; dieses mag es auch 5 . 

Was Beadohild als Trost in ihrer Schande angesehen 
haben mag, kann nur das Gefühl ihrer Unschuld gewesen 
sein. In der VfllundarkviJ^a 41, 5 f. heißt es: 

eina ogurstund, 
seva skyldi 

und ganz entsprechend K 2 12: 

wsbs me wyn to J)on, wses me hwaefre eac latf, 

2 


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18 


worin eine »literarische Roheit« nicht etwa erblickt werden 
darf. An K* 2 a minre sylfre sid erinnert D 9 b hyre sylfre 
ping, an 39 b 40 forpon ic cefre nemceg pcere modceare 
minre gerestan gemahnt D ll b 12 a cefre nemeahte priste 
gepencan hu ymb pcet sceolde im Ausdruck und in der Situa- 
tion so genau, daß man den Eindruck gewinnt, der Dichter 
von D habe sich durch unsere Eadwacerlieder anregen 
lassen. Es wäre in diesem Falle nur natürlich, wenn er 
noch unmittelbarer auf sie anspielte. 

Wir gelangen damit zu den unerklärten Versen 14 — 16 l ). 

we faset Maef>hilde monge gefrugnon 

wurdon grundlease Geates frige 

f>set him seo sorglufu slsep ealne binom. 

Im ersten ist kein Anlaß, monge in man oder mod zu 
verändern 2 ), zumal der Vers dadurch unverständlich wird, 
was er an sich nicht ist. Den einzigen Anstoß gibt hier 
die offenbare Lücke vor dem Eigennamen ; er steht nicht im 
Nominativ, kann aber von pcet nicht abhängen. Demnach 
hat er ursprünglich eine Präposition vor sich gehabt. Daß 
bi einzufügen ist, lehrt 21 f.; denn diese Stelle ist nach 
Vers 14 gebildet worden. Dem von geascodan abhängigen 
Akkusativobjekt gepoht entspricht der Akkusativ pcet in 14; 
der Bestimmung Eormenrices muß Mcephilde entsprechen, 
nur kann hier kein Genitiv vorliegen, weil pcet nicht eigent- 
liches Objekt ist, sondern ein solches ankündigt. Also ist 
zu lesen: 

we faset (bi) Maebhilde monge gefrugnon 
c Wir haben das von Mse{)hild viele (= oft) erfahren 5 . 


1) Wegen der Übergehung von Vers 10 eigentlich 13 — 15; da je- 
doch auch diese Zählung nicht endgültig ist, behalten wir vorläufig die 
alte bei. 

2) Klaebers Vorschlag, ABeibl. XVII 284. 


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19 


Lassen wir nun zunächst diesen Vers auf sich beruhen. 
In 15 ist grundlease beanstandet worden, wegen Oeates wird 
man aber wohl dabei bleiben müssen; umrdon darf nicht 
gleich wceron gefaßt werden 1 ). Vers 15 und 16 sind zu 
übersetzen: 

'Allgewaltig ward Geats Liebe, 

daß ihm die Liebespein ganz den Schlaf raubte*. 

Daß Mcepkild ein weiblicher Name ist, bedarf keines 
Beweises; ein männlicher mit - hild als zweitem Bestandteil 
wäre unerhört; Fikenhüd ist spät und ungermanisch. Die 
Analogie von I, II, IV deutet auf Msejriiild als den leiden- 
den Teil. Allein ihr Unglück wird in der überlieferten Form 
von III seltsamerweise nicht näher ausgesprochen. So könnte 
es scheinen, als gelte der Refrain dem Liebesleiden Geates\ 
aber dann hinge Vers 14 in der Luft. Und gerade diese 
Zeile lehrt, wie man sich den Zusammenhang vorzustellen hat. 

Faßt man 14 — 16 ins Auge, so hat man den Eindruck, 
als ob diese Strophe ein Schicksal schildern sollte, das dem 
vorher beschriebenen der Beadohild in wesentlichen Zügen 
glich. Wir haben hier wie dort ein weibliches Wesen, dem 
von einem Manne, aber nicht dem Gatten, übel mitgespielt 
wird. Wenn dem so ist, dann hat der Dichter, der doch 
eine bloße Wiederholung vermieden hätte, eine Variation 
beabsichtigt: erstens betont er die allgemeine Bekanntschaft 
mit dem neuen Gegenstände (monge 14 b ); sodann geht er 
auf das Motiv dieser zweiten Vergewaltigung ein [frige 15 b , 
sorglufu 16 a ) und endlich nennt er den Täter bei Namen 
( Oeat 15 b ), während Weland in II nicht wieder erwähnt wird. 

Hieraus folgt: zwischen II und III besteht inhaltlich die 
engste Beziehung; daher kann als Msebhild’s Leiden nur 
etwas dem der Beadohild ganz Entsprechendes in HI ursprüng- 
lich angeführt worden sein. Nun sind Vers 14 und 15 

1) Klaeber a. 0. 283. 

2 * 


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20 


unverknüpft; pcet 14 a deutet, wie wir sahen, voraus auf das 
eigentliche Objekt von gefrugnon 14 b . Also ist auf Vers 14 
im Original ein mit der Konjunktion pcet beginnender Vers 
gefolgt, genau wie wir D 35 — 36 lesen: 

J)set ic bi me sylfum secgan wille, 
f>aöt ic hwile wses Heodeninga scop. 

Und auf dies pcet wird ein Pronomen gefolgt sein, das 
den Obliquus Mcephilde wieder aufnahm, wahrscheinlich im 
Nominativ, ganz wie derselbe Dichter bi me sylfum durch 
ic weiterführt. 

Oben wurde Vers 10 an seiner Stelle als jüngere Ein- 
schiebung bezeichnet und zugleich seine Bedeutung erwogen, 
v Dieser Vers in der neuen Auffassung paßt glatt in unsere 
dritte Strophe, aus der er in die zweite geraten sein mag zu 
einer Zeit, als III nicht mehr verstanden wurde oder ongieten 
seine prägnante Bedeutung einem Bearbeiter verbarg. Wir 
lesen daher die dritte Strophe wie folgt: 

We bi Maef)hilde monge gefrugnon 
{>set heo gearolice ongieten hsefde: 
wurdon grundlease Geates frige 
f)set him seo sorglufu slaep ealne binom 
l>8es ofereode, Risses swa mseg. 

°Wir haben das von Msebhild oft vernommen, 
daß auch sie völlig empfangen hatte: 
denn allmächtig ward des Geat Liebe, 
so daß die Liebespein ihm ganz den Schlaf raubte. 
Des kam ein Ende; dieses mag es auch 5 . 

Von dieser Strophe wenden wir uns auf einen Augenblick 
zur nächsten, die von Theodorich handelt. Sie fällt durch 
ihre Kürze auf und unterscheidet sich von allen vorangehen- 
den dadurch, daß in ihr neben dem Bedrückten nicht auch 


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der Bedrücker gekennzeichnet ist 1 ). Als Gegner Theodorichs 
kannte der Dichter noch nicht Ermanarich, sondern noch 
Odöaker, den er in der genuinen altenglischen Form Eadwacer 
genannt hätte, falls Strophe IV ihn in ihrer ursprünglichen 
Gestalt erwähnte. Daß sie das wirklich tat, scheint eine 
erlaubte, ja fruchtbare Vermutung, denn sie wirft auf die 
Überlieferungsgeschichte von D ein Licht. Man kann aus 
dem Nebeneinander von Theodorich und Ermanarich in D 
schließen, daß beide irgend einmal den Angelsachsen als 
Gegner bekannt waren; da aber die fünfte Strophe unecht ist, 
so darf diese Kenntnis erst einer späteren Zeit als der des 
Deorverfassers zugeschrieben werden. Ihr gehörte der Dichter 
von V an, dem natürlich in IV das vorausgesetzte Neben- 
einander von Theodorich und Odoaker anstößig und gerade 
deshalb der Anlaß zu seiner Interpolation sein mußte. Er 
strich also in IV weg, was seiner Sagenkenntnis widersprach. 
So beweist das Vorhandensein von V die Un Vollständigkeit 
von IV, und der tatsächliche Inhalt der unechten verrät den 
verlorenen der echten Strophe: in IV war von Eadwacer die 
Rede. Da II und III ohne Refrain vierzeilig sind, werden 
in IV zwei Zeilen vernichtet worden sein. 

'Theodorich hatte inne dreißig Winter 

Maeringaburg; das war vielen kund. 


Des kam ein Ende; dieses mag es auch’. 

Diese neue Einsicht setzt uns nun in den Stand, in 
unserem Liede sowohl den Zusammenhang des Ganzen wie 
den Sinn jeder Einzelheit zu erfassen. Zunächst ist klar, 
daß sich von der ersten Strophe zur zweiten, von ihr zur 

1) I Weland-Niöhad; II Beohild-(Weland); III Msefjhild-Geat; 
(VII Deor-Heorrenda). 


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dritten und endlich von der dritten zur vierten ein Gedanken- 
faden zieht, an dem wir die Disposition des Werkes erkennen 
können. I schildert die Gefangenschaft eines Mannes, II 
die Vergewaltigung eines Weibes; III variiert II, und IV 
kehrt in der Schilderung einer anderen Gefangenschaft zum 
Anfang zurück. Das ist die erste Beobachtung, die sich 
über des Dichters Plan machen läßt. 

Weiter: I und II gehören dem gleichen Sagenkreise an, 
dem zwei gegensätzliche Gestalten entnommen werden. Von 
III und IV darf man danach Gleiches vermuten; und das 
ist in gewisser Weise auch der Fall. In der bisher unver- 
ständlichen Strophe III spielt der Dichter auf die altenglische 
Odoakersage und -dichtung an. An sie schließt sich schon 
II in der Situation und im Wortlaut an, ihren Inhalt gibt 
m wieder, und von Eadwacer hat IV einmal gesprochen. 
Der Übergang von III zu IV wäre unerklärlich, wenn dem 
Dichter in III nicht Eadwacer — als Scyrre oder Sachse 
oder beides zugleich — vorgeschwebt hätte; und es wäre 
unnatürlich, anzunehmen, daß er von II auf HI nicht ebenso 
einfach geführt worden wäre. In II zitiert ja der Sänger 
die Odoakerdichtung und kündigt damit seinen nächsten 
Gegenstand an. 

Wie ein Zitat mutet auch die letzte Strophe an. Vers 
35 lehnt sich an K t 1 — 2 1 ): 

Ic f)is giedd wrece bi me ful geomorre, 
minre sylfre sift; ic {>set secgan mseg . . . 
sowie an Bj 

Nu ic onsundran £e secgan wille . . 

Der Unterschied ist nur, daß D am Schluß sagt, was 
Kj und B an den Anfang stellen. Das führt auf die Frage, 
ob nicht vielleicht D VH in Wahrheit als D I anzusehen 
sei. Nicht nur gewinnen wir dadurch statt des abrupten 

1) Seefahrer 1 — 2 kann durch K t D beeinflußt sein. 


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überlieferten Einganges einen sachlich angemessenen, formell 
üblichen, sondern die Voraussetzung für den Refrain in den 
vier anderen Strophen. In der handschriftlichen Tradition 
hängt *pisses swa mceg « ganz in der Luft; kein Leser oder 
Hörer versteht, worauf es gehe. Sinnvoll dagegen ist es, 
wenn der Dichter erst seine eigene Lage schildert und sich 
dann erst mit der Vergegenwärtigung fremder Schicksale 
tröstet. Hinzu kommt, daß die merkwürdige Einkleidung 
gleich am Beginn, nicht am Ende der Begründung bedarf. 
So lautet also wohl die Eingangsstrophe des Liedes: 

c Das will ich von mir selbst erzählen, 

Daß eine Weile ich war der Heodeninge Sänger, 
einem Herren teuer, Teuer war mein Name. 

Besaß viele Winter trefflichen Schutz, 
einen gütigen Herrn, bis daß nun Heorrenda, 
der liederkundige Mann den Besitz empfing, 
den mir der' Edlen Schirmherr früher geschenkt 5 . 

Der törichte Refrain ward angefügt, als I zu VII ge- 
worden war (um V und VI zu decken oder weil ein Schreiber 
sie versehentlich übergangen hatte?). In der wiederherge- 
stellten Anordnung folgen sich zwei siebenzeilige, drei fünf- 
zeilige Strophen, worin man auch so etwas wie einen festen 
Plan sehen kann; K 2 besteht ja ebenfalls aus fünf Strophen, 
aus vieren. Und D ist, wie wir sahen, durch die Odo- 
akerdichtung beeinflußt. So erklärt es sich auch, daß D 
und K 2 in der Exetersammlung unmittelbar benachbart sind: 
der Ordner erkannte in D eine Anspielung auf K 2 — ent- 
weder weil in D IV und K 2 V Eadtvacer ihm auffiel, oder 
weil er die Eigennamen in D HI aus ihrem eigenen Zu- 
sammenhänge kannte; beides war nur möglich, solange D IV 
seinen ursprünglichen Wortlaut noch besaß oder doch K 2 von 
Kj und B sich noch nicht lange losgelöst hatte. Aus solchen 
Erwägungen heraus läßt sich das Original unserer Hand- 


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schrift in dieser Partie annähernd fixieren; wir kommen dar- 
auf in einer chronologischen Betrachtung am Schluß zurück. 

Jedenfalls haben wir in D jetzt ein kleines Meisterwerk 
kennen gelernt, das uns sehr viel Neues sagt. Das Wich- 
tigste ist aber daran dies: sein Inhalt zeigt uns, welche 
Sagenstoffe im England des achten Jahrhunderts die größte 
Volkstümlichkeit besaßen, Wieland und Eadwacer. Und 
da wir es von Eadwacer noch nicht wußten, nur aus dem 
Dasein von Kj K 2 B erschließen konnten, so ist D unschätz- 
bar als ein erstes Zeugnis, wenn auch nicht als einziges. 


IV. 

Die dritte Strophe des »Deor« in ihrer eben erkannten 
Bedeutung liefert nun, abgesehen von den beiden neuen 
Eigennamen, eine Bestätigung für die früher vorgetragene 
Auffassung der Handlung von K t K 2 B , wie sie schöner 
nicht erwartet werden konnte. Vers 14 beweist, daß der 
Gegenstand allgemein geläufig war; Vers 14a bezeugt, daß 
die Klagende in K t K 2 vergewaltigt wurde, hwdp K 2 16 b 
ihr Kind mit dem Peiniger ist. Vers 15 f. bestätigt die »Ver- 
mutung, daß . . der Gatte . . aus Eifersucht in eine Fehde 
getrieben wurde, damit das Weib in des Schwagers Gewalt 
komme« (S. 25 der »Odoakerdichtung«). Der Refrain endlich 
deutet an, daß der endgültige Ausgang des Familienkonfliktes 
glücklich war; er ersetzt uns also den fehlenden Abschluß, 
Z, ebenso wie Vers 14 und 15 wegen der Namen die ver- 
lorene Einleitung, X, vertreten und zugleich die Tatsache 
des Verlustes beweisen können: K 1? K 2 , B sind wirklich Teile 
eines, wenn auch wohl nur wenig, größeren Ganzen. Daß 
sie unter sich Zusammenhängen, durch überleitende Glieder 
(Y* Y 2 ) miteinander verbunden waren — dafür wird uns 
ein weiteres Zeugnis Gewähr bieten. 


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Ehe wir uns aber diesem zweiten Gegenstände der gegen- 
wärtigen Untersuchung zuwenden, ist über Maö{)hild und 
Geat einiges zu sagen. Jener Name kommt sonst nirgends 
vor, doch kennen wir drei männliche Namen, die mit Maef)- 
zusammengesetzt sind: MseJj-frith, -heim, -here 1 ), wo se wohl 
lang anzusetzen ist. Maejihild könnte auch (nach Bülbrings 
Vorschlag) als leichte Entstellung von Maehthild (mit angli- 
schem ae) angesehen werden; der Schreiber hätte dann aus 
der Buchstabenfolge ht-h den Laut th (= \>) gemacht. Doch 
scheint angesichts der sicheren Namen mit MaeJ)- eine Ent- 
fernung von der Überlieferung nicht geboten; Eadwacers 
Gattin hieß also Maef)hild. 

Anders steht es mit Geat 15, der dem geong man 42, 
dem beaducafa K 2 11 entspräche. Dieser Name begegnet uns 
in angelsächsischer Zeit mehrfach, jedoch nur für den Sohn 
Taetwa’s, also in mythologischem Zusammenhänge, der auf 
unsem Fall nicht paßt; schon deshalb muß Geat hier be- 
fremden. Auch an einen »Gauten« wird man nicht denken 
dürfen, da wir den historischen Odoaker als Sachsen kennen; 
sein Gegner, den Sage und Dichtung zum nahen Verwandten 
machte, könnte höchstens ein »Jüte« gewesen sein. »Saxo« 
und »Euthio« treten bei Venantius Fortunatus als Feinde 
der Franken auf; von »Saxonibus Euciis« spricht Theodeberts 
Brief an Justinian als seiner Herrschaft unterworfen 2 ). Die 
beiden Stämme waren demnach in enger Beziehung, was eine 
gelegentliche Gegnerschaft nicht ausschließt. Auf diese 
Weise wäre es leicht zu erklären, wie Msefdülds Tyrann 
zum Namen »Jüte« kam: der Sachsenherzog Odoaker mag 
durch eine Fehde mit den Euten zum Verlassen seiner Hei- 


1) Searle, Onomast. Anglosaxon. S. 346. 

2) All diese auf die Jüten bezüglichen Ausführungen schließen sich 
eng an Stevensons Asser- Ausgabe an, wo das Material zuletzt bequem 
zusammengestellt ist. Für mündliche Belehrung ist Verf. Herrn Prof. 
Bülbring zu herzlichem Danke nicht nur für diesen Abschnitt verpflichtet. 


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mat gezwungen worden sein; er erlebte bei den Franken, was 
Gregor von Tours und B schildern. Die Sage begründet 
seine Landflucht mit der Annahme, daß Eifersucht im Spiele 
sei; der »Jute« des Stammeskonfliktes wird zum »Jüten« 
der Familientragödie, »Euthio« der Bruder »Saxo’s«. 

Die Voraussetzung für diese Auffassung ist natürlich, 
daß in Geat eine Verwechslung vorliegt, und das läßt sich 
leicht wahrscheinlich machen. Man hat in angelsächsischer 
Zeit Gauten und Jüten, Jüten und Goten, häufig vertauscht 1 ), 
und wie Asser aus Geat Geata machte, was bei seinen Be- 
nutzern wiederkehrt und woneben Eata steht 2 ), so konnte 
aus einer Form, die aus Eutio regelrecht entwickelt war, 
ohne weiteres Geata und weiter durch Mißverständnis Geat 
werden. 

Eutio ergab anglisch regelrecht luta, Iota (nordh.), Eota 
(merc.); der Plural *Eutiz ebenso lautgesetzlich lute, lote, 
Eote. Westsächsisch entsprechen dem unbelegten Nom. plur. 
*Xete, *Yte, *Ytan (= Eutiones) die obliquen Formen Ytum, 
Ytene, Ytenum, = Eotena, Eotenum im Beowulf 3 ). Der 
Name Eota (Eata) im nordhumbrischen Liber vitae und den 
Genealogien des neunten Jahrhunderts gehört nicht hierher; 
doch Eotanford, Eotaland ist zu bemerken 4 ). Im frühesten 
Altenglisch, also zur Entstehungszeit der Odoakerdichtung, 
muß die Form nordhumbrisch noch luta gelautet haben. 
Der Dichter des »Deor«, ein Mercier, schrieb erheblich später 
und sein Geat wird aus mercisch Eota, Eata stammen. Der 
Verfasser von K 2 B muß auch unter dem Einfluß der 
Sagentradition, die leicht Namen erstarren ließ, luta gesetzt 
haben. 

Eadwacer, Msef)hild und luta sind demnach die Helden 

1) Stevenson, Asser’s Life of King Alfred, S. 169. 

2) Ebd., S. 160 f. 

3) Ebd., S. 168 f. 

4) Ebd., S. 168; Searle, Onomast. Anglosax. S. 233. 


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unserer Gedichte; von Eadwacer ist es unumstößlich, von 
Mael)hild ist es in dem Maße sicher, wie die Annahme der 
Substitution Geats für Iuta gebilligt wird. Daß tatsächlich 
um 740 Iuta als Peiniger von Eadwacer’s Gattin galt, kann 
nun noch anderweitig nachgewiesen werden. 

Damit kommen wir zu einer Frage, die fast so hart- 
näckig und jedenfalls so ergebnislos von dei^ Gelehrten be- 
arbeitet worden ist, wie das »Erste Rätsel«. Wiederum 
gilt es, die Ergebnisse über K A K 2 B gleichzeitig anzuwenden 
und zu stützen. Und indem wir sie zur Zerreißung eines 
Gewebes von Irrtümem und Unklarheiten benutzen, wird 
sich ein Wort ihres Dichters bewahrheiten: »Leicht reißt 
man auseinander, was niemals zusammengehörte«. 


Y. 

Das unter dem Namen »Franks Casket« (C) bekannte 
und im britischen Museum zu London bewahrte Walfisch- 
bein-Kästchen aus angelsächsischer Zeit befindet sich seit 1857 
in englischem Besitz und ist seit 1867 Gegenstand von 
Deutungsversuchen. Es enthält auf dem Deckel und den 
vier Seiten bildliche Darstellungen; außerdem weisen die 
Seitenflächen Runeninschriften auf. Daß auch der obere 
Teil ursprünglich runisch beschrieben war, ist eine nahe- 
liegende Annahme, zumal innerhalb des Bildes ein Wort 
[cegili) steht. 

Die Inschrift auf dem Rande der Vorderseite hat zur 
Abbildung keine Beziehung, was zeigt, daß von dem angel- 
sächsischen Betrachter Vertrautheit mit der dargestellten Szene 
erwartet wurde. Auch wir können ohne weiteres erkennen, 
daß diese Seite links zweiteilig die Wielandsage, rechts die 
Anbetung der Magier zum Gegenstände hat. Die Rückseite 


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vergegenwärtigt die Zerstörung Jerusalems, die linke Seiten- 
fläche zeigt die römischen Zwillinge mit der Wölfin. 

So bietet der Deutung Schwierigkeiten nur der Deckel 
und vor allen Dingen die rechte Seite. Auf sie kommt es 
uns am meisten an, wie denn auch um ihre Aufhellung die 
Forscher sich am lebhaftesten bemüht haben. 

Leider kann man nicht sagen, daß bei ihren Erklärungs- 
versuchen eine einwandfreie Methode befolgt worden wäre. 
Es sieht fast so aus — und der unglückliche Name »Runen- 
kästchen« verstärkt den Eindruck — , als ob jeder sich zu- 
nächst nur die Runen angesehen und erst, nachdem er sie 
irgendwie gedeutet, gefragt hätte, ob und wie die Bilder 
dazu stimmten. So ist es gekommen, daß heute fast allge- 
mein gerade dasjenige als unumstößlich und klar gilt, was 
im Gegenteil das Unsicherste und Seltsamste ist, das je 
einem Gläubigen zugemutet wurde. Nämlich, die Deutung 
der ganzen Inschrift auf die erste der drei Szenen: »hier 
sitzt ein Pferd auf dem Schmerzenshügel, erduldet Ungemach 
wie Erce über es verhängte, bittere Not der Sorge und 
traurigen Sinn«. 

Eingestandenermaßen ist das Pferd kein Pferd; der 
Hügel ist kein Hügel, von Ungemach merkt man der Gestalt 
nichts an, Erce ist eine unbekannte Größe, sie ließe ihren 
Befehl ausführen durch einen ruhig dastehenden Bewaffneten; 
der Seelenschmerz eines Pferdes mutet seltsam an. Ferner: 
die Gestalt soll ein Pferd sein, weil darüber » her kos sitip « 
gelesen wird, und kos wird zu hors gemacht, um zu passen; 
aber kos selbst ist eine erschlossene Form, die für richtig, 
d. h. vom Dichter herrührend zu halten niemand gezwungen 
ist. Endlich: allseitig wird zugestanden, daß die Inschrift 
einheitlich, die Abbildung dreiteilig ist. Besteht überhaupt 
eine Beziehung zwischen beiden, so liegt die Wahrscheinlich- 
keit auf der Hand, daß die Inschrift eher dem zentralen, 
komplizierten, menschenschildernden Teile der Darstellung 


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zu Hilfe kommen soll, als der komischen Szene, die nicht 
so aussieht, als sollte sie tragisches Interesse erwecken. tJm 
das zu entscheiden, müssen wir zunächst die bildliche Dar- 
stellung ganz für sich zu erfassen suchen. 


VI. 

Ein Blick auf unsere photographische Beilage *) zeigt, daß 
die Schnitzerei dreiteilig gemeint ist. 

1. Ganz links sitzt auf einer kleinen Erhebung eine Ge- 
stalt, die abgesehen vom Kopf und den Beinen menschlich 
ist und zwar männlich gekleidet. In der rechten Hand hält 
sie etwas wie einen Zweig mit Blättern, woran sie zu knab- 
bern scheint; in der linken vielleicht eine flute, die am 
oberen Ende sich zu einem Knauf verdickt (eine Pritsche?). 
Vor dem Sitzenden steht ein mit Lanze und Schild Be- 
waffneter. 

Der Kopf des Sitzenden kann für einen Pferde- oder 
Eselskopf gehalten werden; das letztere ist vielleicht wahr- 
scheinlicher, weil er von dem des Pferdes in der Mitte etwas 
abweichend erscheinen könnte. Wie die Ohren unverhältnis- 
mäßig groß sind, so scheinen auch die Hufe nicht denen 
des Pferdes zu entsprechen. Wer nur die Abbildung sieht, 
könnte darin eine Anspielung auf eine Possenszene (»Mann 
mit dem Eselskopf«) finden. 

Daran haben schon einige Erklärer gedacht; Holthausen 1 2 ) 
sah wie Jiriczek in dem »Pferd« einen verwandelten Menschen, 
ja er erinnerte an den »Goldenen Esel« des Apuleius, »der 
erst durch Fressen von Rosenblättem seine menschliche Ge- 

1) Dem Keeper of British and Mediaeval Antiquities spricht der 
Verfasser für die freundliche und schnelle Vermittelung der Aufnahme 
seinen ergebenen Dank aus. 

2) Anglia Beiblatt XVI 229. 


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stalt wiedererlangen konnte«. Aber er nahm trotz dieser 
schlagenden Parallele keinen Anstoß an der Auffassung der 
Gestalt als eines Pferdes, wie an der Auffassung ihres Sitzes 
als eines Berges, und gar eines Kummerberges, auf dem das 
Pferd Kummer, bittere Not der Sorge und traurigen Sinn 
erdulde. Und doch scheint die Gestalt ganz ungehindert im 
Gebrauch ihrer Hände und zudem ganz harmlos an Blättern 
nagend; und die vermeintliche Not soll »Erce« (Ertae der 
Inschrift, s. u.) verhängt haben. Das heißt, ein X durch 
ein anderes ersetzen. Also: diese ganze Erklärung ist un- 
möglich, und sie wäre auch nie entstanden, wenn nicht >hos€ 
wie ein Alp auf jedem Versuch unbefangener Betrachtung 
gelastet hätte. >Wir könnten froh sein, wenn die übrigen 
Teile der Inschrift und ihr Zusammenhang mit den Bildern 
so klar wären wie der erste Satz: 

her hos sitaef) on haermbergse« *). 

Angesichts solcher Äußerung aus berufenem Munde ist es 
begreiflich, daß nur ganz vereinzelt einmal eine andere Auf- 
fassung des unglückseligen hos sich vorwagte. So erklärte 
von Grienberger 1 2 ) die ersten beiden Worte als einen weib- 
lichen Personennamen, *Herhos , gab dann diese Ansicht auf 
und faßte hos = cohors. Beide Annahmen sind unmöglich ; 
die letztere, weil von einer Schar nirgends eine Spur zu 
sehen ist, die erstere, weil sie sitcep wegerklären muß ; wobei 
gleichfalls dem Bilde Gewalt angetan wird. Einen Fort- 
schritt muß man aber selbst in der verfehlten Erklärung 
anerkennen: sie verzichtet darauf, das erste Bild durch die 
Runen zu erläutern. So wird die Inschrift für die weiteren 
Darstellungen frei; ihnen wenden wir uns nunmehr zu. 


1) Binz, Literaturbl. 25, 154 (1904). Dabei ist dieser Vers metrisch 
und stüistisch verfehlt und schon deshalb neben den zwei folgenden 
verdächtig. 

2) ZfdPh. 33, 409 ff. — Anglia 27, 436 ff. 


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2. Ganz rechts sieht man eine Gruppe von drei Menschen; 
die mittlere Gestalt scheint weiblich wegen der Verschieden- 
heit ihrer Kleidung von der der zwei Männer. Diese legen 
Hand an die zwischen ihnen Stehende, beide halten, mit 
beiden Händen, ihr Gewand fest. Von einem »Tauschhandel«, 
der hier vor sich ginge, zu reden, ist also absurd 1 ). Ohne 
jede Beihilfe von seiten der Inschrift ist klar, daß hier eine 
Frau Ungemach erduldet durch männliche Gewalt. Es ist ein 
Kampf ohne Waffen und von zweien gegen einen, ein un- 
gleicher und unehrlicher Kampf; daher ist so schon deutlich, 
daß das Opfer weiblich ist und daß ihr Gewalt getan wird. 

Also auch diese Abbildung ist ohne die Runen verständ- 
lich; da die Inschrift einheitlich ist, so folgt: entweder 
bezieht sie sich nur auf das Mittelfeld; dann hat das rechte 
Feld nichts damit zu tun; oder die Inschrift will beide 
Szenen umfassen, beide ergänzen sich wie die Wielandszenen: 
dann muß zwischen ihnen der innigste Zusammenhang be- 
stehen, d. h. eine Frau muß als Opfer männlicher Grau- 
samkeit zweimal abgebildet und zudem in den Runen er- 
wähnt sein. 

3. Das Mittelfeld ist von den benachbarten deutlich ge- 
schieden; nicht nur durch die trennenden Verzierungen hinter 
dem Haupte des Bewaffneten in (1) und des inneren der 
beiden Männer in (2), sowie zu Füßen des Kriegers (und 
ursprünglich gewiß auch zu Füßen jenes Mannes), sondern 
vor allem durch die Stellung der Figuren; auf jedem Bilde 
blicken sie einander an und kehren dem Nachbar des 
nächsten den Rücken zu. So wäre möglich, wenn auch wegen 
der Analogie der Vorderseite künstlerisch nicht erforderlich, 
daß (2) und (3) nichts miteinander gemein haben. 

Das Bild der Mitte ist nun verwickelter als die andern; 
obwohl man sich fragen muß, wie man darin je eine Schar, 

1) Diese Auffassung führt Binz a. 0. aus Graeven (bei Vietor) an. 


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einen Grabhügel, bei dem jemand sitzt, in dem eine Leiche 
sitzt, und darüber freischwebend den Abendmahlskelch, links 
das biblische Eselsfüllen und dazu noch das »Rohr«, mit 
dem Christus geschlagen wurde, finden konnte! 1 ) Wobei 
denn das Nebeneinander des Leidensdramas, der Possenszene 
(und des Tauschhandels) zu den vielen vorhandenen ein 
neues Rätsel fügen würde. 

Auch diese Deutung ist unmöglich, und auch sie beruht 
auf dem methodisch verfehlten Streben, die Abbildung durch 
die Runenschrift zu erläutern, statt umgekehrt; acht Seiten 
widmet Grienberger seiner Deutung, aber erst auf der achten 
ist von den Bildern die Rede. Und mehr oder weniger 
herrscht dieses Mißverhältnis auch bei den übrigen Interpreten. 

Das dritte Bild zeigt rechts unten in einer sie umschließen- 
den kleinen Anhöhe eine zusammengekauert sitzende Gestalt, 
also in einer Höhle. Auf etwas erhöhtem Niveau sehen wir 
ein Tier, das ein Pferd zu sein scheint, unter seinen Hinter- 
füßen einen Vogel. Die Tiere, die Höhle sowie Andeutungen 
von Sträuchern unter dem Kopf des Pferdes und hinter ihm 
deuten auf eine Szene im Walde; zwischen Vogel und Höhle 
steht obendrein in Runen das Wort wudu. Hinter der Höhle, 
auch nach links blickend, steht eine Figur, die einen Stab 
hält und etwas zu bewachen oder zu bedrohen scheint. Uber 
ihr sowie über dem Rücken des Pferdes steht je ein runisches 
Wort, das uns zunächst nicht zu beschäftigen braucht. 
Gerade über der Höhle schwebt etwas in der Luft, das mög- 
licherweise mit dem Stab in Verbindung steht, wenn sich 
auch seine Natur nicht feststellen läßt. 

Die naheliegendste Deutung der Situation ist nun wohl 
die: die vornüber geneigte Gestalt in der Höhle ist die Ge- 
fangene des Mannes, der wachend hinter ihr steht. Sein 
Name wird in dem Runenwort über ihm verborgen sein. 


1) Grienberger in der zweiten Abhandlung. 


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Pferd und Yogel sind ihre Genossen im Walde. Streitroß 
und Falke sind Attribute des Fürsten; bricht sein Glück 
zusammen, dann 

ne god hafoc 
geond säl swingeÖ ne se swifta mearh 
burhstede beateft (Beow. 2264 ff.). 

Aber die treuen Tiere folgen dem Herrn oder der Herrin 
auch im Unglück. Sie sitzt im Unglück, vielleicht weinend, 
wie auch das Roß trauernd den Kopf senkt; daß wir es hier 
mit einer weiblichen Gestalt zu tun haben, ist äußerlich ebenso 
wahrscheinlich wie das Gegenteil, aber wohl wahrscheinlicher 
der Situation nach und weil wir auf diese Weise einen Zu- 
sammenhang mit dem rechten Bilde gewinnen. Das Pferd 
nimmt naturgemäß ziemlich viel Raum ein, doch hat os für 
das Ganze keine größere Bedeutung als der Yogel; sonach 
kann das Wort über ihm eher eine allgemeine Angabe ent- 
halten, wie wudu unten, als seinen Namen. 

Ist diese Analyse des Inhalts von (2) und (3) korrekt, so 
wird niemand leugnen können, daß hier die auffälligste Über- 
einstimmung mit der Handlung unserer Odoakergedichte zu- 
tage tritt, ja, daß offenbar auf sie hier angespielt werden 
soll. Schon Napier 1 ) hat an einen Zusammenhang zwischen 
der »Klage der Frauc und dem Bilde der Mitte gedacht, 
aber er kannte die Beziehungen von Kj K 2 und B noch 
nicht, und so konnte er diesen Gedanken nicht verfolgen; 
und da auch er von einer unhaltbaren Auffassung der Runen- 
inschrift ausging, so wäre er kaum zum Ziele gelangt. 
Suchen wir nunmehr, auf Grund der Bilder und dessen, 
was wir aus K 4 , K 2 , B und D wissen, dem Geheimnis der 
Runen auf die Spur zu kommen. 

1) The Franks Casket, Oxford 1900, S. 18. 


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VII. 

Die Besonderheit der Runen auf der uns beschäftigenden 
Fläche der Schnitzerei besteht darin, daß die Vokale der 
zusammenhängenden Inschrift durch willkürliche, also zu er- 
ratende Zeichen ausgedrückt sind *) ; von gewöhnlichen Vokal- 
runen kommt nur einmal H vor und die Ligatur ^ (fa). 
Dieses Zeichen liest Napier als fu , weil er findet, daß für 
a schon ein anderes reserviert sei; aber das ist kein Grund, 
denn auch sonst gebraucht der Schreiber für verschiedene 
Laute die gleiche Rune. M ist von den Herausgebern ver- 
schieden beurteilt worden, je nach ihrer Auffassung des 
grammatischen Zusammenhanges; die einfachste Deutung ist 
keinem eingefallen. 

Nach der ziemlich übereinstimmenden Lesung der Ge- 
lehrten verteilen sich die Sonderrunen folgendermaßen: 

h = a; h = se ; X = e; £ = i; H = o, 
wobei das Fehlen von w, auch ea , eo } iu , ce, y auffallen kann. 
Napier hält für möglich, daß M einen dieser letzteren Laute 
vertrete; wir werden sehen, daß dem nicht so ist. Wohl 
aber liegt die Wahrscheinlichkeit vor, daß nicht alle fünf 
Sonderrunen eindeutig sind, besser, daß der Schnitzer sich 
öfters geirrt oder auch willkürlich die Vokalzeichen gesetzt 
hat. Das ist klar, wenn man die Inschrift mit Hilfe der 
erschlossenen Werte wiedergibt; teilen wir sie gleich in die 
Langzeilen, die evident sind, so lesen wir: 

her hos sitae}) on haermbergae 

agl [. .] drigi}) swae hiri ertaegisgraf 

saerdMn sorgae and sefa tomae. 

1) Das System scheint zu sein, daß je der übernächste Konsonant 
des l^t. Alphabets eingesetzt wird. So stehen für a, ce die c-Runen, 
für e eine Variante von g, für i ein dem m verwandtes Speichen; nur o 
ist Ausnahme, c ist, wo es vorkommt, vermieden und g dafür gesetzt, 
was ganz folgerichtig ist: gisgraf und agl[ag], s. u. Vgl. zu der Spielerei 
Rätsel 37 und 75, Kent. Gloss. 1160 ff. 


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Sehen wir nun zu, was die Erklärer daraus gemacht haben. 
Zunächst sind alle einig, daß das erste Wort her = hier sei. 
Gewiß liegt das außerordentlich nahe, da ein Stabreim mit 
zwei weiteren h den Yers vollkommen macht; auch kann 
auf die Darstellung der Rückseite verwiesen werden, wo her , 
hic steht; doch ist das kein Beweis; und im letzten Grunde 
hat doch das vermeintliche Pferd schuld. Seinetwegen hat 
man sich auch nicht gescheut, hin in him zu verwandeln 1 ), 
und hat hos selbst in hors verändert (Bradley, Napier, Vietor, 
Binz, Holthausen). Wenn man nun sieht, daß in den Formen 
sitcep , hcermbergce , hiri , ertae , scerdV\n der Schnitzer das 
Zeichen ae für i, a, ä; i und ae für ae setzt, so entsteht der 
Eindruck, es sei auf die Scheidung der Vokale ihm gar nicht 
angekommen. Und so ist es inkonsequent, ihn zwar überall 
da zu korrigieren, wo er Schwierigkeiten bereitet, dagegen 
ihn für unfehlbar zu halten, wo man ihn versteht, hos ist 
demnach nur ganz äußerlich gesichert, beruht auf der An- 
nahme, der Schnitzer habe unmöglich has , hces oder hus in 
seiner Vorlage gehabt, und muß in dem Augenblick aufge- 
geben werden, wo man zu der Überzeugung kommt, daß 
kein sitzendes Pferd in den Skulpturen vorkommt, noch auch 
eine »cohors« ; das aber hat unsere Beschreibung oben gezeigt. 

agl [. .] am Ende des oberen Randes zu ägläc zu ergänzen, 
hat Wadstein 2 ) überzeugend vorgeschlagen, und mehrere 
Forscher haben sich ihm angeschlossen; Napiers Zweifel 
sind deshalb nicht gerechtfertigt, weil für [äc] oder vielmehr 
[üg] noch Raum genug vorhanden wäre. Der Schnitzer hat 
viel zu weitläufig angefangen und mußte immer schmalere 
Zeichen schneiden. 

Als letztes Wort des zweiten Verses wird jetzt mit Napier 
gisgraf = giscraf von Verschiedenen mit Recht angesehen, 
ein Genitiv Ertaegis (Vietor) ist undenkbar, egisgraf (Binz) 

1) Jiriczek AfdA 29, 200 anm., Holthausen a. 0. 

2) Napier 16 2 . 

3* 


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ebenfalls. Mit ertae bat man bisher nichts anfangen können; 
Stevensons Konjektur (bei Napier): Erce, die glänzend ge- 
nannt worden ist, kann ebensowenig angenommen werden 
wie Grienbergers erpce = eorpe. Wir wissen, daß die ganze 
Inschrift sich auf die zweite und dritte Abbildung bezieht, 
in ihr muß also die Rede sein von dem, was ein Mann 
einer Frau auferlegt. Demnach wird in Ertae ein männlicher 
Eigenname stecken, und sein Träger wird der Übeltäter 
sein. Dieser ist, wie wir vermuteten, auf der mittleren Ab- 
bildung zu sehn; darüber lesen wir seinen Namen, und zwar 
als Bita, was als » Beißer , wild« erklärt worden ist. 

Ertae und Bita also müßten identisch sein; aber wir 
könnten sie nicht vereinigen, wenn wir nicht schon wüßten, 
wie Eadwacers Gegner in Sage und Dichtung hieß: Iuta. 
Aus dieser Form ist sowohl Bita wie Ertae mit Leichtigkeit 
herzuleiten, mta konnte ein Schreiber für iuta oder uita 
lesen; das letztere lag näher, und zugleich die Wiedergabe 
des u durch b. Anderseits konnte aus iuta, iota (eota) ohne 
weiteres ertae verdorben werden. In unserem Falle ist die 
zweifache Verderbnis noch ganz besonders begreiflich: die 
Schreibung ertae st. erte 1 ), die lateinischen Worte auf der 
Rückseite des Kästchens und die römisch-christlichen Ab- 
bildungen auf ihr sowie der linken Seite und der Front 
machen es deutlich, daß der Schnitzer eine Vorlage mit 
lateinischen Lettern kopierte, die er nicht genau kannte; 
auch den Stoff kannte er kaum, und aus dieser doppelten 
Unkenntnis wird Bita an sich und neben Ertae verständlich. 

Jetzt können wir den zweiten Vers übersetzen: 

»Sie erduldet Elend, wie Iuta über sie verhängte«. 

In der dritten Zeile hat scerdV\n außerordentlich viel 
Mühe gemacht. Napier meinte: scer dän = sär dän c rendered 
miserable’; Wadstein: sär den , von Binz angenommen; Vietor: 

1) Napier lß 2 . 


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scerdun, praet. plur. zu einem nicht vorhandenen *sceran ; 
Holthausen: scerned . Diese Konjektur, die an sich etwas 
für sich hat, weil sie durch eine minimale Änderung erreicht 
wird, kann doch aus mehreren Gründen nicht angenommen 
werden. Einmal würde man für e nicht die Eoh-Rune er- 
warten; sodann ist ned dreogan nicht befriedigend, und 
scerned sorgce »bittere Not der Sorge« sehr unbeholfen. 
Warum scerdV\n ein einziges Wort sein soll, ist nirgends 
begründet; also darf man zunächst schreiben: scer df*\n. 
Auf der Rückseite lesen wir: » Titus end giupea. . .« Auch 
auf unserer Seite wollte der Schnitzer end schreiben und 
verstellte das Wort [den). Wir erhalten durch Metathese 
einen formell und inhaltlich tadellosen Vers: 

sar end sorgse and sefa tornaß. 

Hierin wären die stabenden Wörter Substantiva im Ak- 
kusativ; sefa mit nordh. Abfall des n ) wie Holthausen 
zweifelnd meinte, tomce demnach acc. sg. masc. = tornnce. 
Zum Inhalt kann man zunächst an: 

sar and sorge susl b^owedon (Caedm. 75) 
denken, was Grienberger anführte, ohne danach sein scerden 
zu korrigieren. 

Diese dritte Zeile lautet demnach: 

»Schmerz und Kummer und zornigen Sinn«. 

So bleibt nur noch die erste Zeile. Da niemand auf, 
sondern vielmehr in dem Harmhügel sitzt, so wird man auch 
on beanstanden und es durch in ersetzen dürfen, denn Nord- 
humberland ist der Ursprungsort unseres Kunstwerks. Das 
Subjekt zu drigip und sitip , das identisch sein muß, ist 
nicht genannt. In Herh.s kann es nicht stecken, denn wir 
wissen, daß Eadwacers Weib Maef>hild hieß; so ist es aus 
hirce zu ergänzen, und Vertrautheit des Betrachters mit 
ihrem Namen wird vorausgesetzt 1 ). Vor sitip kann daher nur 

1) Es muß auffallen, daß rechts und links vom Kopfe der Mittel- 
figur in (2) eine unverhältnismäßig große Fläche leer ist. Vielleicht 


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eine nähere Bestimmung dazu stehn; zugleich eine Variation 
zu in harmbergce. Nun sitzt die Gestalt im Walde, in einer 
Höhle, also in einem »Waldhause«, ae. herg-hus> herh-hus 1 ). 

In Kj 15 liest die Handschrift her heard , das herhreard 
ist; so ist het' husce < herh[h)uscs eine leicht verständliche 
Verderbnis; ja aus ihr wird uns deutlich, warum der Schnitzer 
hos und on setzte. Das Original bot: 

herhhusae, 

die Vorlage: 

herhusae, 

der Schnitzer nahm her als besonderes Wort, sah nichts von 
einem Hause, mußte dagegen die sitzende Gestalt ganz links 
gleich bemerken, hielt sie mit seinen späteren Erklärem 
für ein Pferd und setzte o statt u , und ganz konsequent 
auch on statt in; aber ein -r- in hos setzte er nicht ein, wie 
er auch das End-ae sparte: *horsce konnte ihm nicht einleuchten. 

Geben wir nun die Inschrift in der neuen Lesung und 
Auffassung : 


Herh-husae siti{) 
aglac drigif) 
sar end sorgae 


in harmbergae, 

swae hirae Iuta giscraf, 

and sefa tornae 


c Im Waldhause sitzt sie, im Harmberge, 

Erträgt Elend wie Iuta ihr verhängte, 

Schmerz und Kummer und zornigen Sinn’. 

Hiermit haben wir unter Heranziehung der Ergebnisse 
über Kj K 2 B D die Frage nach dem Sinn der Schrift und 


sollte hier Mcephild untergebracht werden und der Baum erwies sich 
nur zu beschränkt; der Schnitzer hat auch sonst seine Fläche schlecht 
eingeteilt. Wenn dem so ist, dann schwebt hirce nicht in der Luft. 
Da Iuta zweimal erwähnt wird, wäre Mcephüd wenigstens einmal zu 
erwarten. Auch so aber wird der angelsächsische Betrachter gewußt 
haben, auf wen hircb deutet. 

1) h für g, wie g für h in unneg , fegtap der linken Seite. 


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Schnitzerei auf der heiß umstrittenen rechten Seite des »Franks 
Casket« erledigt Es sei nun umgekehrt gefragt, wie weit 
das neue Resultat die früheren bekräftigt. 


vin. 

Die in den beiden vorangehenden Abschnitten darge- 
botene Auflösung hartnäckiger Rätsel liefert, wie der Leser 
schon vermutet haben wird, die schlagendste Bestätigung der 
früher vorgelegten Auffassung von K u K 2 , B sowie der hier 
zuerst nachgewiesenen Bedeutung der dritten Strophe von D. 

Das auf diese Weise bloßgelegte Gewebe von Beziehungen 
weist nirgends Widersprüche auf, was an sich für die Wahr- 
scheinlichkeit der ganzen Konzeption spricht. Und die Ur- 
sache für die Widerspruchslosigkeit der Deutung kann nicht 
im blinden Walten des Zufalls gesucht werden. Ebensowenig 
wie die Runen in B etwas anderes als Eadwacer bedeuten 
können und von dem Eadwacer der K 2 trennbar sind, darf 
man, bei aller Kritik, ernsthaft in Zweifel ziehen, daß hinter 
Oeatj Ertae , Bita ein anderer als Iuta verborgen ist. Ead- 
wacer in K 2 und B ist von seiner Gattin getrennt; Iuta ist 
von allgewaltiger Liebe zu ihr ergriffen und muß sie sich 
mit Gewalt erringen. Eadwacers Frau leidet Ungemach im 
Walde; Iuta hat es über sie verhängt. Eadwacer und Iuta 
reimen. Auch im einzelnen läßt sich zeigen, daß ein unlös- 
barer Zusammenhang zwischen C und K t K 2 B besteht; über 
die chronologische Seite der Frage wird am Schluß einiges 
bemerkt werden. Betrachten wir zunächst die Inschrift. 
Daß herh-eard K t 15 b »Waldwohnung« bedeuten könne, ist 
lange bestritten worden; durch den synonymen Ausdruck 
*herh-hus in C ist endgültig festgestellt, daß herg seine Be- 
deutung »heiliger Hain« im achten Jahrhundert zu »Hain, 
Wald« gewandelt hatte; dazu stimmt die ahd. Parallele 1 ). 

1) Schücking a. 0. 443 nach Röder. 


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Übrigens variiert wudu am unteren Rande des Mittelfeldes 
genau so *herhr‘hus, wie on wuda bearwe 27 b herheard 
15 b . Man bat fast den Eindruck, als habe dem Verfasser 
der Inschrift Vorgelegen. Diese Möglichkeit wird zur 
Wahrscheinlichkeit angesichts der weiter anzuführenden Über- 
einstimmungen zwischen 0 und K 1? auch K 2 ; daß B abseits 
steht erklärt ihr Inhalt. Wenn B 20 b ff. Eadwacer die treue 
Gattin auf fordert, zu ihm zu eilen > sobald du hörtest am 
Rande des Abhangs wehmütig singen den Kuckuck im Walde« 
und wir einen Vogel im Walde bei der Unglücklichen sehen, 
so ist das Zufall. 

In K a wird der Waldaufenthalt näher beschrieben (28 ff.): 

under actreo in fmm eordscraefe, 

eald is f)es eordsele. 

sindon dena dimrne, duna uphea. 

Diese Höhen entsprechen dem -bergce der Runen. 37 ff. 
lauten : 

£aer ic sittan mot sumorlangne daeg 
f)ser ic wepan maeg mine wrsecsifjas 
earfo{)a fela, 

und K 2 10 spricht von der Zeit, 

fjonne hit waes renig weder ond ic reotigu säet. 

Die genaue Entsprechung der Runen: sitip, aglac drigip\ 
und sie sitzt in einer Höhle, unter Bäumen des Waldes. 

Eine Variation von aglac drigip , wenn auch vom Gatten 
gesagt, treffen wir Ki 48 b f. : 

dreogeä se min wine 1 ) 
micle modceare. 

1) Ko 13 a ist »Wulf *se min Wulf« anfechtbar; vielleicht »Wulf min 
Wulf min« (Bülbring). Der S. 24 f. der »Odoakerdichtung« gebotene 
»gereinigte« Text hätte konsequenterweise nordh. Gewand antun sollen, 
statt sich nur des spätwestsächsischen zu entkleiden; so liegt er der 
Kritik bloß. 


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Giseraf gibt heht Kj 15 a 27 a wieder. Die dritte runische 
Langzeile faßt kurz, aber erschöpfend zusammen, was die 
Verbannte duldet: körperliche Pein, Seelenschmerz, ohn- 
mächtige Wut; ganz entsprechend in K A 39 a : 
earfopa fela 

39 f For{)on ic sefre nemseg 

f)sere modceare minre gerestan, 
endlich K, 32 M.: 

Fuloft mec her wrape begeat 
fromsif) frigan. 

Wir sehen also, daß die Inschrift aufs vollkommenste zu 
dem Gedankeninhalt von K t K 2 und zu ihrer Handlung 
stimmt, und wir können von den bildlichen Darstellungen 
Gleiches behaupten. Die Männer in der rechten Gruppe 
sind » pces monnes magas « K A 11 f., die Eadwacer von seiner 
Gattin trennen, die »wcelreowe weras « K 2 6, die ihn am 
Kommen verhindern wollen. Daß die Frau in derselben 
Situation sich befindet wie in K 1? haben wir bereits gesehen. 
Auf die Gefährten in der Verbannung, Falke und Roß, könnte 
K* 16, 17 a deuten, falls lyt wörtlich zu nehmen ist. 33 b , 34 
erwähnt ferne Freunde, im Walde ist Msej^hild allein, nur 
die stumme Kreatur trauert mit ihr: 

ahte ic leofra lyt on J)issum londstede, 
holdra freonda. 

So bleibt nur noch eine Frage: wie soll man K 2 4 — 6 damit 
vereinigen? Von einer Insel ist auf dem Bilde nichts zu 
bemerken. 

Hiermit kommen wir zu dem bisher übergangenen runischen 
Worte über dem Rücken des Pferdes: risci . Eine Reihe 
von Erklärungen sind gegeben worden. Napier zog zu- 
sammen: risci bita = »rushbiter*\ aber das ist aus drei 
Gründen unmöglich. Erstens kann risci, wenn es mit bita 
eine Einheit bilden soll, nicht durch einen unerklärlichen, 
durch zwei Ornamente unterbrochenen Abstand davon ge- 


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trennt sein. Zweitens: das Tier wird allgemein für ein Pferd 
gehalten; dessen Nahrung ist aber alles andere eher als 
Binsen. Drittens: bita ist, wie wir sahen, eine Unform wie 
ertae. Die sonstigen Deutungen können wir auf sich be- 
ruhen lassen. 

Man darf vermuten, daß risci eine Ortsangabe machen 
soll, wie vmdu . Beides könnte auf den ersten Blick unver- 
einbar erscheinen; doch wissen wir, daß K 2 B eine Lage 
voraussetzen, die auch doppelt charakterisiert ist: Wald und 
Wasser. Und wir sahen, daß eglond K 2 5 a eine Marschinsel 
ist. Gibt man zu, daß 0 diese Situation widerspiegeln will, 
so kann man neben der Angabe »Wald« erwarten »Marsch«. 
Dann kann aber risci nicht richtig sein; fenne K 2 5 b deutet 
auf ein Synonymon. Nun ist der erste Buchstabe des Wortes 
auf einem sehr viel kleineren Baume geschnitzt als das b 
von bita; möglich ist also, daß der Schnitzer nicht den 
ganzen Buchstaben unterbringen konnte und deshalb ein r 
stehen ließ, das eigentlich ein b hätte werden sollen. In 
diesem Falle bot seine Vorlage wie uita so msci\ in beiden 
Fällen also hätte er sich geirrt und (iu >) ui > bi werden 
lassen, worin Konsequenz liegt. Da nun wisci = wiscce 
(Plural zu wisc, nach Bülbrings Vorschlag) guten Sinn gibt, 
nämlich »Marschen«, so dürfte diese Deutung wenigstens 
den Vorteil haben, daß sie sich in den gesamten Zusammen- 
hang einordnet und mit den einfachsten Mitteln gewonnen 
wird. Man denke an »an myclan wisce (Kemble, CD II 128, 
33); »Wiscleageat« ebd. 179, 34, ahd. Wisicha (sämtlich bei 
Bosworth-Toller angeführt) und nnd. wische < and. *wiska 
bei Kluge, Etym. Wb. 424. 

So kommen wir zu dem Ergebnis: zwischen den uns be- 
kannten Teilen der altenglischen Odoakerdichtung und der 
Inschrift auf der rechten Seite besteht ein Zusammenhang 
in der von beiden vorausgesetzten Handlung und Situation, 
die sich bis auf Einzelheiten des Wortlautes erstreckt. Ferner: 


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die Abbildungen entsprechen ins Kleinste hinein dem Bilde, 
das man sich auf Grund von K A K 2 B von den tatsächlichen 
Vorgängen zeichnen könnte. Es existiert also die engste Be- 
ziehung, und es erhebt sich die Frage, auf welcher Seite die 
Absicht der Anspielung bestand. Setzt das plastische Kunst- 
werk das poetische voraus, oder soll man annehmen, die 
bildende Kunst sei hier der Dichtkunst Wegweiser gewesen? 

Damit kommen wir zu einer chronologischen Betrachtung, 
die uns zum Schluß kurz beschäftigen muß. 


IX. 

Nach dem, was über die gegenseitigen Beziehungen von C 
und K a K 2 B ausgeführt wurde, kann es als ausgeschlossen 
gelten, daß beide Werke unabhängige Gestaltungen des 
gleichen Stoffes, der Eadwacersage, sind; sonst wären die 
Übereinstimmungen in den Worten unerklärbar, und wir 
hätten zwei Künstler vor uns, die mit mathematischer Exakt- 
heit auf ihren so verschiedenen Gebieten das Gleiche schil- 
dern, das Gleiche für wesentlich halten. 

Also: entweder hat der Dichter das Runenkästchen vor 
sich gehabt, oder der Skulptor d. h. natürlich sein Auftrag- 
geber unsere Dichtung. Das letztere wird jeder Unbefangene 
aus allgemeinen Gründen schon wahrscheinlicher finden; und 
besondere stellen sich leicht ein. Wenn man sieht, daß die 
Szene *wudu* auch künstlerisch angedeutet ist, während 
> wisd « nur mit dem Worte andeutet, so kann man nur 
meinen, der Schnitzer habe möglichst viel charakteristische 
Einzelheiten aus der Dichtung unterbringen sollen; auch das 
Pferd und der Vogel müssen dahin gehören, wenn wir gleich 
den entsprechenden Teil der Gedichte nicht besitzen, sondern 
nur ein Anspielung; s. o. 

Demnach ist die Annahme an sich fast evident, daß C 


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Motive und Formen der Darstellung aus der Odoakerdich- 
tung entlehnt hat, diese also die zeitliche Voraussetzung ist. 
Aber nun erhebt sich die Frage, ob 0 jünger, oder auch 
nur ungefähr so alt sein kann, wie K A K 2 B. 

Für unsere Gedichte fanden wir früher als Entstehungs- 
zeit die zweite Generation des achten Jahrhunderts, etwa 
740 oder 750; natürlich kann ein solcher Ansatz nie mit 
dem Anspruch auf Unerschütterlichkeit gemacht werden. 
Doch im allgemeinen wird er wohl haltbar sein. Man muß 
sich z. B. gegenwärtig halten, daß nach Ausweis der Runen 
in B und der in K 2 überlieferten Namensform der Dichter 
seinen Helden Eadwacer genannt hat; der erste Bestandteil 
würde in älterer Schreibung und Lautung JEod- heißen, 
was nach 740 aufhört; statt wacer sollten wir ebenso laut- 
gesetzlich wcecr erwarten, woneben die überlieferte Form 
jünger auch wegen der nicht mehr verstandenen Etymologie 
des ganzen Namens erscheint 1 ). Inhaltlich kommt in Be- 
tracht die nahe Beziehung zum Beowulf im Stile, ja in man- 
chen Wendungen der Gedichte 2 ), und die angenommene Ver- 
wandtschaft der Tendenz. Der Beowulf wird aber neuerdings 
zwischen 700 und 730 angesetzt 3 ); und wenn das letztere 
Datum auch dehnbar ist, so wird man im allgemeinen wohl 
daran festhalten dürfen. 

Bedeutend früher, »in das Ende des 7. Jahrhunderts«, 
setzt Morsbach das Runenkästchen; Binz und Symons setzen 
es vor 750, Napier in den Anfang des 8. Jahrhunderts 4 ). Es 
ist klar, daß die letzte und erste Datierung unmöglich kor- 

1) »Eadwsecer« S. 18 der »Odoakerdichtung« ist natürlich nichts, 
und ebenso kann aus dem durch das Schriftbild verursachten Buch- 
stabenreime (S. 40) nichts geschlossen werden. 

2) Man vergleiche Schückings Bemerkungen über den Wortschatz 
von Ki a. 0. 449. Swä Ki »als ob«, swylce Ki K 2 »wenn auch« trennen 
Ki K 2 B vom Beowulf wie stilistisch so auch zeitlich. 

3) Morsbach, Zur Datierung des Beowulfepos, S. 274. 

4) Ebd. S. 255. 


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rekt sein können, wenn die Odoakerdichtung die Voraus- 
setzung der bildlichen Darstellung sein soll. Daraus ergibt 
sich die Notwendigkeit, die für die Datierung der Runen- 
inschrift vorgebrachten Argumente zu prüfen. 

Morsbach sucht die Entstehungszeit des Beowulf zu 
fixieren durch eine Untersuchung zweier Fragen, deren Er- 
gebnisse er auf die Hauptfrage anwendet: 1. wann ist aus- 
lautendes -u nach langer Tonsilbe im Ae. geschwunden und 
2. wann ist postkonsonantisches -h- vor Vokal verstummt? 
Beginnen wir mit der zweiten Frage, so kommen aus den 
Runeninschriften von 0 die Namen Romwalus und Reum - 
walus in Betracht; sie stehen auf der linken Seite. Über 
sie kann Morsbach S. 265 nur sagen »es braucht kein Aus- 
fall des -h- vorzuliegen«. Er gibt zu, daß wir hier »latini- 
sierte Umbildungen, im Sinne der komponierten Namen mit 
-walh«, vor uns haben, doch »brauchen es darum noch keine 
direkten Latinisierungen zu sein«. Und so sollen »Misch- 
formen« angenommen werden: -walh + -ulus > walus. Das 
wird niemanden überzeugen, und man muß bekennen, ent- 
weder: diese Formen können uns nichts lehren, oder: sie 
lehren das Gegenteil von dem, was man wünscht. Morsbach 
entläßt die Frage mit dem Satze: »da das Runenkästchen 
aber, wie wir früher gezeigt haben, das fragliche auslautende 
-u noch kennt, so kann postkonsonantisches -h- in dieser 
Zeit noch nicht geschwunden sein«. 

Demnach hinge die Datierung des Runenkästchens offen- 
bar ab von der Beurteilung der Form flodu auf der vorderen 
Fläche. Nach Erörterung von zehn »teils echten teils un- 
echten Zeugnissen für die Erhaltung eines auslautenden -u 
nach langer Tonsilbe« kommt Morsbach zu dem Ergebnis, 
daß in jenem flodu der einzige unanfechtbare Beleg für diese 
Erscheinung vorliege. Daß flodu eine völlig gesicherte Form 
ist, ist nicht zu bestreiten. Nur fragt sich, wie weit die 
bloße Form für die Datierung des Runenkästchens in Be- 


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tracht gezogen werden darf; und da muß man sagen: sie 
hat gänzlich auszuscheiden* Das kann so begründet werden. 

1. Die Vorderseite schildert zwei Szenen aus der Wieland- 
sage und die Anbetung der Magier. Die Umschrift hat da- 
mit nichts zu tun; und man kann auch nicht sagen »the 
inscription on this side was evidently composed for the 
occasion, viz. the stranding of the whale« (Napier bei Mors- 
bach 255). Im Gegenteil hätte diese Inschrift auf jeden 
Kunstgegenstand aus Walfischbein gepaßt, und die Bemer- 
kung » hronces bau « sieht fast geschäftsmäßig aus (»Echt 
Walfischbein«). Daraus ergibt sich die Möglichkeit, daß 
diese besondere Inschrift, die ja inhaltlich ziemlich zeitlosen 
Charakters ist, an Alter die übrigen und damit das ganze 
Schnitzwerk übertrifft. 

2. Daß die flodu enthaltenden Zeilen sprachlich älter 
sein müssen als die auf die Eadwacerdichtung bezüglichen , 
folgt daraus, daß hier ebenfalls ein langsilbiger u-Stamm 
erscheint: *herh , = herg , ( hearh ). Diese Form hat also ihr 
auslautendes -u verloren, flodu besitzt es noch; allein diese 
Tatsache zeigt, wie wenig die Form für die Datierung maß- 
gebend sein kann. 

3. Neben dem u-losen herh steht ganz verständlich das 
h-lose Namenpaar Romwcdus und Reumwalus ; ferner sefa 
statt sefan , wie in einem Texte des 7. Jahrhunderts zu er- 
warten wäre; twcegen stellt die ältere Form dar. In sefa 
und ivylif haben wir f statt b, was auch gegen das Ende 
des 7. Jahrhunderts und vielmehr für eine bedeutend spätere 
Abfassung spricht. Alle diese Einzelheiten müssen, während 
sie früher vernachlässigt wurden, in dem Augenblick an Ge- 
wicht gewinnen, wo die Beweiskraft von flodu zusammen- 
bricht. Und das ist jetzt geschehen, wo *AerA als unversöhn- 
licher Gegner ihm gegenübertritt. 

Damit ist auch der Beweis dafür geführt, daß C um 740 
entstanden sein kann. Natürlich wird man annehmen, daß 


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die bildnerische Darstellung mehr oder weniger unmittelbar 
unter dem Einfluß der dichterischen entstanden sei. So 
braucht zwischen beiden kein erheblicher Abstand zu liegen; 
und wir können, indem wir an der früher aufgestellten Da- 
tierung von Kj K 2 B festhalten, 0 ruhig um die gleiche Zeit 
ansetzen. 

D ist dagegen merklich später entstanden, zu einer Zeit, 
da die Eadwacergedichte und ihr Stoff sich zwar noch all- 
gemeiner Vertrautheit erfreuten (monge gefrugnon D 14), 
und dem Dichter noch Einzelheiten der beredten Klagen 
Msefjhilds im Ohre klangen (D ll a f. K A 39 a 40), wo aber 
schon die Entstellung infolge schriftlicher Überlieferung be- 
gonnen hatte (D 16 Oeates ): um 775. Nicht viel später muß 
die Eadwacerdichtung als zusammenhängendes Ganzes ver- 
loren gegangen sein: die Vereinigung von D und K 2 in einer 
Sammlung wird erfolgt sein, als man in D noch eine An- 
spielung auf K 2 erkannte; dazu wird man aber längere Zeit 
nach der Lostrennung von und B und was sonst zum 
ursprünglichen Bestände gehörte nicht mehr imstande ge- 
wesen sein. Um 800 hat man von einer Odoakerdichtung 
in England wohl nichts mehr gewußt. Aber aus den Zeug- 
nissen, die wir hier vorgelegt haben, geht aufs neue, wie 
aus den historischen Persönlichkeiten des Namens Eadwacer 
hervor, daß in ihrer Zeit die Dichtung große Wirkung ge- 
übt haben muß. Vielleicht ist es keine Übertreibung, wenn 
wir in ihr die milde Nebensonne zum strahlenden, aber grellen 
Gestirn des Beowulf erblicken. 


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Druck Ton Breitkopf & Härtel in Leipzig. 


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IMELMANN, ZEUGNISSE, 



Verlag von Julius Springer in Berlin. 


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RECHTE SEITE VON »FRANKS CASKET 


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